Rupfen - ein Papageienleid mit vielen Ursachen / Teil 2
Psychisch-emotionales Unbehagen
Langeweile
Die Erfahrung zeigt, dass das Federrupfen bei Papageien in der überwiegenden Mehrheit der Fälle keine ausschließlich organischen, sondern vorwiegend psychisch-emotionale Gründe hat. Ein gravierendes psychisches Unbehagen, auf dasPapageien mit Federrupfen reagieren, ist die Langeweile und die Einsamkeit, die sie in der Gefangenschaft alsHaustiere zu erleiden haben. In ihren natürlichen Lebensräumen sind Papageien hochaktive Tiere: Sie verlassen ihre Schlafplätze für die Nahrungssuche, für die sie unter Umständen kilometerweite Flugstrecken zurücklegen müssen, und suchen nach erfolgter Nahrungsaufnahme wieder geeignete Plätze zum Schlafen auf; sie müssen auf ihren Partner undauf den Schwarm, in dem sie leben, reagieren; sie müssen allein und wechselseitig Gefiederpflege betreiben, sie müssen auf Gefahren achten und vor Gefahren fliehen oder Schutz suchen; und sie sind in der Regel jährlich eine lange Zeit mit der Suche nach einer Bruthöhle, mit der Brut, der Aufzucht und dem Schutz ihrer Jungen beschäftigt. Es ist also durchaus angebracht, mit Blanchard von einem natürlichen Bedürfnis der Papageien nach Aktivität auszugehen, das die überwiegende Mehrheit der als Haustiere gehaltenen Papageien jedoch nicht einmal annähernd befriedigen kann. Nahezu alle Aktivitäten, die dem Papagei in der freien Natur abverlangt werden, entfallen in der Gefangenschaft, insbesondere wenn er einzeln gehalten wird, oder reduzieren sich auf einen unwesentlichen Rest; nur eine Aktivität kann auch in der Gefangenschaft uneingeschränkt ausgeführt werden: die Gefiederpflege. Es ist alsonahe liegend, dass Papageien, wenn sie nicht völlig apathisch und stumpfsinnig werden, ihr Aktivitätsbedürfnis in Ermangelung anderer Möglichkeiten ausschließlich in der ‚Gefiederpflege’ befriedigen, die aus diesem Grund entsprechend übertrieben und in der Konsequenz zerstörerisch durchgeführt wird. Um hier Abhilfe zu schaffen, bedarf es einer Gestaltung der Haltung und der Haltungsbedingungen, die das natürlicheAktivitätsbedürfnis der Papageien berücksichtigt.
Maßnahmen zur Vermeidung von Langeweile
Hieraus ergeben sich als wesentliche Anforderungen: (1.) Unter keinen Umständen Einzelhaltung - Einzelhaltung ist im übrigen auch dann gegeben, wenn mehrere artverschiedene Papageien zusammenleben, sondern mindestens Paarhaltung. Noch weit optimaler für die Aktivitätsauslastung der Papageien ist jedoch die Gruppenhaltung artgleicher Papageien, bei der die Papageien nicht nur durch die Geselligkeit miteinander, sondern auch die Einrichtung, Abgrenzung und Verteidigung von Revieren beschäftigt sind, (2.) ständige Flugmöglichkeiten müssen vorhanden sein, d.h. keine Haltung von Papageien in geschlossenen Käfigen oder Zimmervolieren - sie können allenfalls als stets geöffnete Rückzugs- und Schlafplätze dienen, (3.) die Futterplätze sollten so gestaltet sein, dass die Papageien für die Nahrungsaufnahme Aktivitäten aufbringen müssen, (4.) der Lebensraum sollte stets mit frischen, belaubten und für Papageien ungiftigen Ästen (soweit die Jahreszeit es zulässt) ausgestattet sein, so dass die Papageien ihren Aktivitätsdrang im Benagen der Äste ausleben und zugleichdie in den Ästen enthaltenen lebenswichtigen Mineralien aufnehmen können, (5.) zudem sollte der Lebensraum mit attraktivem Spielzeug ausgestattet sein, das geeignet ist, sowohl das Bedürfnis der Papageien nach Aktivität als auch ihre Neugier zu befriedigen (6.) darüber hinaus sollten auch ungeklebte Kartons, die zugleich als ‚Höhlen’ dienen können, und Papierrollen vorhanden sein, die von den Papageien zerrupft werden können, (7.) ebenso verschiedene Bademöglichkeiten, die über den oben bereits genannten gesundheitlichen Nutzen hinaus für die Papageien auch einen Beschäftigungseffekt haben (8.) sollten den Papageien Geräuschquellen geboten werden, auf die sie reagieren können (z.B. Naturlaute von Kassette oder CD) und schließlich (9.) bestimmte farbige Lichtquellen, die sowohl anregend als auch entspannend wirken. Es ist insgesamt wichtig, die Aktivitäten der Papageien auf einemkonstant hohen Niveau zu halten, das heißt, es ist nicht ausreichend, den Tieren nur hin und wieder zum Beispiel ein neues Spielzeug oder einen neuen Ast zum Nagen zu reichen. Vielmehr muss die Sorge um die Aktivität der Papageien ein selbstverständlicher Bestandteil der täglichen Pflege werden.
Eine Aktivität sollte Papageien in der Gefangenschaft allerdings nicht ermöglicht werden, nämlich die Aufzucht von Nachwuchs. Zwar müssen Papageienpaaren Bruthöhlen zur Verfügung gestellt werden, das Ausbrüten der Eier sollte aber auf eine verträgliche Art verhindert werden. Es ist unbestritten, dass auf diese Weise die natürlichen Aktivitäten der Papageien beschränkt werden. Aber es ist ethisch nicht zu rechtfertigen, Papageien in der Gefangenschaft Jungtiere für die Gefangenschaft aufziehen zu lassen! Denn was viele Papageienhalter und -halterinnen nicht wahrhaben wollen, wird durch das Verhalten des Federrupfens, wenn es nicht in körperlichen Unbehaglichkeiten begründet ist, immer wieder bestätigt: Gefangenschaft ist für Papageien in psychisch-emotionaler Hinsicht eine stark traumatisierende Situation, eine Situation, durch die ihnen ein tiefer seelischer Schaden zugefügt wird! Durch die Berücksichtigung der natürlichen Bedürfnisse der Papageien bei der Gestaltung der Haltungsbedingungen kann diese Schädigung zwar gemildert, völlig verhindert oder geheilt werden kann sie nicht. Und es ist moralisch verwerflich, im Wissen um diese im Wesentlichen unvermeidbaren Schädigungen die Aufzucht weiterer Papageien zu zulassen, die keine andere Chance als die Gefangenschaft haben. In diesem Zusammenhang soll die ‚Theorie’, der zufolge das Federrupfen ausschließlich eine Reaktion auf ‚sexuelle Frustration’ der Papageien sei, nicht unerwähnt bleiben. Von Blanchard wird jedoch darauf hingewiesen, dass dieses destruktive Verhalten zum eigenen Gefieder sich auch häufig bei Tieren zeigt, die noch nicht geschlechtsreif sind oder erfolgreich gebrütet haben.
Verstärkung durch menschliches Fehlverhalten
Psychisch-emotionales Unbehagen, das Federrupfen zur Folge hat, kann Papageien auch durch die Beziehung bereitet werden, die ihre Halter bzw. Halterinnen zu ihnen aufbauen, insbesondere dann, wenn die Papageien mangels Artgenossen oder durch Fehlprägung sehr auf ihre Halter fixiert sind. Papageien, die als Haustiere in enger Gemeinschaft mit dem Menschen leben, müssen von ihm geleitet und geführt, müssen in die Gemeinschaft ‚integriert’ werden. Sie müssen insbesondere lernen, dass es seitens des Menschen Zeiten der Zuwendung und der Abkehr gibt. Und der Mensch muss die Papageien in diesen Wechsel von Zuwendung und Abkehr eingewöhnen, so dass er bei ihnen keine Unsicherheiten und Ängste auslöst. Wenn diese Eingewöhnung nicht erfolgt oder misslingt, dann entwickeln die betroffenen Papageien Ängste, die nach Jenkins zum Federrupfen führen können. So könnenTrennungsängste beim Papagei entstehen und Rupfen zur Folge haben, wenn sich sein Halter oder seine Halterin von ihm entfernt und nicht mehr wahrgenommen werden kann. Um dem Papagei diese Ängste zu nehmen, ist es sinnvoll, wenn sichHalter bzw. Halterinnen von ihm durch beruhigende Worte ‚verabschieden’ bevor sie sich entfernen und dafür sorgen, dass er in der Zeit unmittelbar nach der Trennung beschäftigt ist. Das kann zum Beispiel dadurch geschehen, dass er ein besonders bevorzugtes Nahrungsmittel oder Spielzeug bekommt. Ängste können bei Papageien auch dann ausgelöst werden, wenn ihre Halter bzw. Halterinnen zwar anwesend sind, diese sich ihnen aber nicht zuwenden. Diese Ängste entstehen bei einem so genannten ‚over-protected’, das heißt bei einem zu stark behüteten Papagei, für den die Anwesenheit seines Halters bzw. seiner Halterin gleichbedeutend mit dem Erhalt von Zuwendung ist. Bleibt die Zuwendung aus, machen diese Papageien durch Federrupfen auf sich aufmerksam, denn sie haben aus dem Verhalten ihrer Halter bzw. Halterinnen gelernt, dass Rupfen ihnen sofortige Aufmerksamkeit und Ansprache einbringt. In diesen Fällen kann nach Jenkins und Blanchard das Rupfen nur dadurch verhindert werden, dass es völlig ignoriert wird und der Papagei lernt, dass dieses selbstzerstörerische Verhalten nicht mit Aufmerksamkeit belohnt wird. Aber der in einer Gemeinschaft mit Papageien lebende Mensch muss nicht nur die Papageien in diese Gemeinschaft ‚eingewöhnen’, auch er selbst muss sich in diese Gemeinschaft eingewöhnen, indem er sich in seinem Verhalten auf die Bedürfnisseund Eigenarten der Papageien einstellt. In dieser Hinsicht ist es für Papageienhalter/-innen wichtig zu wissen, dass Papageien natürlicherweise Angst vor Menschen haben. In der Wildnis ist das Erscheinen des Menschen folglich eineBedrohung, auf den die Papageien mit Flucht reagieren, durch sie kann er den in einer solchen Gefahrensituation entstehenden Stress abbauen. In der Gefangenschaft als Haustiere aber können die Papageien auf Verhaltensweisen der Menschen, die als Bedrohung wahrgenommen werden, in der Regel nicht mehr mit einer vom Stress befreienden Flucht reagieren, sie können dem Menschen nicht entkommen. Nach Jenkins kann diese Situation dazu führen, dass Papageien Stress, der durch menschliches Verhalten hervorgerufen wird, in so genannten ‚Übersprungsreaktionen’ an Dingen in ihrer Umgebung oder eben auch an sich selbst durch Rupfen aggressiv abreagieren. Wichtig ist es also, gegenüber Papageien ein Verhalten zu zeigen, dass ihnen Schutz und Sicherheit signalisiert, ihnen aber immer auch die Möglichkeit lässt, sich durch eine schützende Flucht der Situation zu entziehen. Um Papageien ein hohes Maß an Sicherheit und damit auch psychisch-emotionaler Behaglichkeit zu geben, muss das Verhalten der Menschen ihnen gegenüber von einer hohen Regelhaftigkeit ,sensibler Einfühlsamkeit, Ruhe und Entspanntheit geprägt sein. Von Spontaneität, von Lust und Laune, oder auch von Ängstlichkeit und Unsicherheit geprägtes Verhalten versetzt Papageien in Angst und Stress.
Fehlende ‚Technik’ der Gefiederpflege
Eine weitere These über das Entstehen des ‚Federrupfens’ hat Blanchard auf der Grundlage verhaltensbiologischer Überlegungen entwickelt. Sie geht von der Annahme aus, das jede Verhaltensweise eines Papageis eine Kombination von instinktivem, genauer gesagt: genetisch bedingtem, und erlerntem Verhalten darstellt. Es ist ein instinktives Verhalten, dass ein Papagei frisst, aber wie, was und wo er frisst ist erlernt; das Fliegen erfolgt instinktiv, aber Raffinessen des Fliegens werden erlernt. Auch Laute geben Papageien instinktiv von sich, die Gestaltung der Laute aber wird erlernt (zum Beispiel die Nachahmung menschlicher Laute). Gelernt werden Verhaltensweisen in erster Linie durch Nachahmung von den Eltern, aber sicherlich auch durch Nachahmung von anderen Artgenossen innerhalb des Schwarms oder der Gruppe. Papageienhalter/-innen, die artgleiche Papageien in Gruppen halten, werden bestätigen können, dass Papageien voneinander lernen.
Nach Blanchards These erfolgt bei Papageien auch die Gefiederpflege instinktiv, die konkrete Art und Weise, gewissermaßen die ‚Technik’ der Gefiederpflege aber muss erlernt werden. Von dieser These ausgehend, kann Federrupfen bei Papageien entstehen, wenn sie diese ‚Technik’ nicht oder nur mangelhaft erlernt haben. Hierzu kannes kommen, wenn sie zu früh von ihren Eltern getrennt werden, weil sie als Wildfänge aus dem Nest geraubt oder im Rahmen einer Handaufzucht den Eltern entzogen werden, um eine frühzeitige Prägung auf den Menschen herbeizuführen.Wenn Federrupfen bei Papageien also infolge der nicht oder nur unzureichend gelernten ‚Technik’ der Gefiederpflege entstanden ist, dann kann eine Therapie nur darin bestehen, ihnen das Erlernen dieser ‚Technik’ zu ermöglichen. Und diese Möglichkeit ist nur gegeben, wenn Rupfer mit nicht rupfenden Artgenossen in einer Gruppenhaltung zusammengebracht werden, in der sie die Gefiederpflege von ihren Artgenossen nachahmend lernen können. Unter diesem Gesichtspunkt wäre es falsch, zum Beispiel nur sich rupfende Papageien zu halten, denn sie würden sich in ihremzerstörerischen Verhalten zum eigenen Gefieder bestärken. Falsch wäre es auch, Rupfer in einer Gruppe artverschiedener Papageien zu halten, denn zwischen der Gefiederpflege verschiedener Papageienarten gibt es - zum Teil aufgrund unterschiedlicher Strukturen der Federn - Unterschiede, das heißt ein sich rupfender Graupapagei wird von einer Amazone nicht die ‚richtige’ Gefiederpflege erlernen können.
Fazit
Aus welchen Gründen im Einzelfall ein Papagei auch begonnen haben mag, sich zu rupfen, die Heilung ist - wenn überhaupt möglich - immer ein langwieriger Prozess, der vom Halter bzw. von der Halterin sehr viel Geduld und vor allem die Bereitschaft voraussetzt, sich auf die Bedürfnisse des Papageis einzulassen und zu seinem WohleVeränderungen herbeizuführen. Und dennoch gibt es keine Gewissheit, dass die Mühen auch zum Erfolg führen. Denn die Erfahrung zeigt, dass in sehr, sehr vielen Fällen Papageien die Verhaltensweise des ‚Federrupfens’ trotz aller Gegenmaßnahmen nicht mehr aufgeben bzw. aufgeben können. In diesen Fällen ist das Federrupfen zu einem qualvollen Dauerverhalten geworden, dass sich von den Bedingungen und Gründen, durch die es einst ausgelöst wurde, unabhängig gemacht hat. Veränderungen lassen sich dann kaum mehr bewirken. Das Federrupfen verdeutlicht auf eine unübersehbare Art und Weise das Leid, das Papageien durch die Gefangenschaft zugefügt wird! Das Rupfen ist keineswegs eine ‚Verhaltensstörung’ der Papageien als die es häufig bezeichnet wird, sondern offenbar ein Verhalten sensibler undintelligenter Tiere auf eine gemessen an ihren natürlichen körperlichen und psychisch-emotionalen Bedürfnissen völlig ‚verrückte’ Lebensumgebung, die ihnen von Menschen zugemutet wird.
