Papageienschutz aktuell

Internet-Zeitung des Papageienschutz-Centrums Bremen e. V.

Visuelle Erkennungsfähigkeit bei Tauben untersucht

Die fortgeschrittene visuelle Erkennung ist vermutlich nicht, wie früher angenommen, nur ein Privileg der höher entwickelten Säugetiere wie etwa verschiedener Affenarten, die sich selbst im Spiegel erkennen. Auch bei Vögeln entdeckten Wissenschaftler bei Verhaltensversuchen immer mehr erstaunliche Fähigkeiten. So führten Verhaltensforscher der Universität Wien vor allem mit der gewöhnlichen Stadttaube, die im Bezug auf ihre geistigen Fähigkeiten einen eher schlechten Ruf hat, Versuche durch, um ihre Erkennungsfähigkeit zu untersuchen. Sie zeigten an Menschen gewöhnten Tauben zuerst Fotos von Personen, bei denen einzelne Körperteile wie etwa die Hände oder der Kopf auf dem Bild nicht zu sehen waren. Die Vögel sollten nun lernen, Bilder auf denen Menschen abgebildet waren von solchen zu unterscheiden, auf denen keine Personen dargestellt waren, was ihnen auch in kürzester Zeit gelang. Für jeden erfolgreichen Treffer wurden die Tauben mit einem Leckerbissen belohnt. Danach legten die Wissenschaftler den Tieren Fotos vor, auf denen nur die zuvor fehlenden einzelnen Körperteile zu sehen waren und daneben wieder Bilder ohne Menschenmotiv. Die Tauben wählten nach Angaben der Verhaltensforscher auf Anhieb die Aufnahmen, die die Körperteile zeigten, aus und entschieden sich somit wieder gegen die anderen Motive, die nichts mit Menschen zu tun hatten. Scheinbar erkannten die Vögel die abgebildeten Hände und Köpfe als etwas, das normalerweise zu einem menschlichen Körper gehörte. Doch es sollte noch ein weiteres Experiment durchgeführt werden, um sicher zu gehen, dass die Tauben auch wirklich den Inhalt der Bilder erkannt hatten und nicht etwa anderen Hinweisen für die richtige Zuordnung der Bildmotive gefolgt waren. Die Wiener Forscher zogen für den nächsten Versuch also neun frisch geschlüpfte Taubenküken sechs Monate lang in einer blickdichten Voliere auf. Die Jungvögel wurden genau so gut versorgt wie die anderen Tauben nur mit dem Unterschied, dass ihre Pfleger bei der Arbeit immer Hauben trugen, die den gesamten Kopf für die Vögel unsichtbar machten. Der Anblick eines menschlichen Kopfes blieb ihnen also völlig fremd. Nach einer angemessen Vorbereitungszeit wurden die jungen Tauben schließlich mit der Versuchsanordnung vertraut gemacht und sollten ebenfalls bildliche Darstellungen von Menschen und deren Körperteilen durch ihre Auswahl gegenüber Fotos mit anderen Motiven unterscheiden. Das Ergebnis war wie die Wissenschaftler es erwartet hatten - die Tauben waren in der Lage, separat abgebildete Hände dem Menschen zuzuordnen aber einzeln dargestellten Köpfe konnten sie nicht als menschlichen Körperteil erkennen, da sie diese ja nie zuvor beim realen Menschen gesehen hatten. Dieses Ergebnis erhöht somit die Wahrscheinlichkeit, dass Tauben den Inhalt von Bildern wirklich erkennen und zuordnen können, stellt aber immer noch keinen hundertprozentigen Beweis dafür dar, dass sie nicht doch auf andere Auswahlstrategien zurückgreifen. “Tauben sind sehr visuell orientierte Tiere”, erklärte eine an den Experimenten beteiligte Wissenschaftlerin. “Ihre Sehschärfe ist viel größer als die des Menschen”. Die Tauben eigneten sich besonders gut für diese Verhaltensversuche, da sie sich dabei sehr kooperativ verhielten. Nach Angaben der Verhaltensforscherin liegt die Stärke dieser Tiere besonders in Aufgabenbereichen, die sich mit Hilfe von genauer Wahrnehmung bewältigen lassen, während sie in logikbasierten Versuchsanordnungen eher weniger gut abschnitten.

Quelle: “Mit den Augen der Tauben”, Der Standard, 16.02.2010

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